Einladung zum Forum für Selbstständige
Claudia Arnold, Bernhard Münzing
Jeder Wissenschaftler, ob Ökologe oder Physikerin, kennt die Situation: Das Ergebnis einer Beurteilung hängt oft vollständig von der Festlegung der Systemgrenzen ab.
Ein Beispiel für Systemgrenzen
Ist die Glas- oder die Plastikflasche nachhaltiger? Aus energetischer Sicht – also auch im Hinblick auf die CO2-Emission – siegt eindeutig die Plastikflasche, selbst wenn die Glasflasche recycelt wird: Das Einschmelzen von Glas ist so energieintensiv, dass eine Pfandflasche viele Male wieder befüllt werden muss, ehe sie die Plastikflasche in puncto Energieeffizienz schlägt. Außerdem ist Glas schwerer, was sich im Transport niederschlägt. Ein Großteil der Befragten antwortet spontan mit „Die Glasflasche ist nachhaltiger.“ Um jedoch diese Frage zu beantworten, müssen wir die Systemgrenzen festlegen, also genau betrachten, was wir noch mit berücksichtigen werden und was nicht.
Finanzielle Systemgrenzen
Auch bei der Betrachtung finanzieller Fragen, etwa der Frage nach der Rentabilität, kann das Problem der Grenzziehung auftreten. Viele Selbstständige, die mit geringen finanziellen Mitteln z. B. eine freiberufliche Tätigkeit anfangen, übernehmen ihr bereits bezahltes Fahrzeug in das Firmenvermögen, überlegen, dass sie beim Home-Office ja keine Miete zahlen und ohnehin einen Telefon- und Internetvertrag hätten, dass sie die ersten paar Jahre nicht unbedingt in den Urlaub fahren müssten und dass sie die Altersvorsorge regeln würden, sobald erste Überschüsse da sind. Auf diese Weise kommen sie zunächst über die Runden. Der Zustand kann jahrelang unverändert anhalten. Außer den leicht ausgefransten Manschetten am Hemd der Selbstständigen merken die Außenstehenden nichts davon.
Selbstständigkeit oder Selbstausbeutung?
Firmenwagen, Urlaubsgeld und Altersvorsorge wurden hier aus dem betrachteten System herausgehalten. Allerdings würde kaum ein Angestellter unter diesen Bedingungen arbeiten: Kein Urlaub, alle Dienstfahrten mit dem Privatwagen ohne Kostenerstattung und keine Beiträge zur Rentenversicherung. Sich selbst so auszubeuten finden die meisten Selbstständigen aber nicht ungewöhnlich. Sie machen sich dabei nicht klar, dass sie sich auf diese Weise zu einem Mitglied des „Akademischen Prekariats“ machen, einer Gruppe gut ausgebildeter Individuen, deren wirtschaftliche Sicherheit sozusagen nur auf einer Zehenspitze balanciert, und die schon von einem wirtschaftlichen Beben der Stärke 1 umgeworfen werden können.
Was tun?
Bedeutet das, wenn üppige Altersvorsorge, ein nagelneuer Edelschlitten auf Firmenkosten und mindestens eine Fernreise jährlich von der selbstständigen Tätigkeit nicht getragen werden, lohne sie sich nicht und der Freiberufler solle sich besser heute als morgen beim Arbeitsamt vorstellen? Nein, das heißt es auch nicht. Es ist aber eine Frage betriebswirtschaftlicher Abwägung und nicht, wie es meist gehandhabt wird, des Bauchgefühls, ob eine Tätigkeit sich aus finanzieller Sicht lohnt. Und vor allem stellt sich die Frage, wie die Situation verbessert werden kann, wenn sie prekär ist.
Neben dem Fehler, große, unbedingt in die Kalkulation gehörende Kostenblöcke herauszuhalten, werden oft auch zu niedrige Preise für die eigenen Leistungen gefordert. „Die werde ich später schon erhöhen“, sagt sich der Selbstständige, ohne sich klarzumachen, dass er oder sie mit ihrer Preispolitik nur die Geizhälse und Sparfüchse anlockt. Manche(r) steigt wissentlich mit Dumpingpreisen ein, aber ein großer Teil der frischgebackenen Selbstständigen kennt die Marktpreise überhaupt nicht und weiß auch nicht, wie sie diese herausfinden können.
Workshop „Preisfindung für Dienstleister“
Die Fachgruppe der Freiberuflichen Chemiker und Inhaber freier unabhängiger Laboratorien in der GDCh e. V. unterstützt aktiv die Existenzgründung von ChemikerInnen und den Mitgliedern angrenzender Fachbereiche. Im nächsten Forum für Selbstständige wird Diplom-Wirtschaftsingenieur Bernhard Münzing uns mit den wichtigsten finanziellen Stellschrauben für die selbstständige Tätigkeit neu vertraut machen. Das Forum richtet sich an alle, die über eine selbstständige Tätigkeit nachdenken und noch nicht wissen, wie sie die so wenig standardisierte wissenschaftliche Dienstleistung beziffern sollen, und richtet sich vor allem auch an jene, die schon seit Jahren selbstständig sind und merken, dass sie sich in finanzieller Hinsicht ein wenig verrannt haben. Und natürlich können auch finanziell erfolgreiche selbstständige WissenschaftlerInnen in Gelddingen immer noch etwas dazulernen.
Das Forum findet am Freitag, den 29. April 2022, in Frankfurt a. M. in den Räumen der Gesellschaft Deutscher Chemiker statt. Einige Plätze sind noch frei. Unter dem folgenden Link können Sie die Einladung herunterladen und sich anmelden: https://www.gdch.de/netzwerk-strukturen/fachstrukturen/freiberufl-chemiker-und-inhaber-freier-unabh-laboratorien/forum-fuer-selbstaendige/workshop-fuer-selbststaendige.html
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