Stoffströme bei einer Synthese - Problemstellung

Eine im Labor entwickelte Synthesevorschrift lag jahrelang “in der Schublade”, ehe sie im Technikumsmaßstab umgesetzt werden sollte. Abgesehen von der niedergeschriebenen Laborvorschrift waren durch Personalwechsel die meisten zusätzlichen Informationen zwischenzeitlich verlorengegangen.

Diese zusätzlichen Eigenschaften betrafen Stoffdaten wie Wasserlöslichkeit, Gefahrstoffdaten, Exothermien, Reactive Hazards und anderes, was zur Planung des Technikums unbedingt bekannt sein musste.

Was der Kunde wollte

Möglichst viele der für die Planung benötigten Informationen auf theoretischem Wege zusammentragen, um die Zahl der noch notwendigen Vorversuche einzugrenzen.

Was der Kunde nicht wollte

Literaturbekannte oder errechenbare Daten in monatelanger Arbeit experimentell ermitteln. Selbst recherchieren, berechnen, intepretieren, zusammenstellen.

Verlauf und Ergebnis

Die Planer des Technikums beauftragten mich, die auftretenden Stoffströme, Temperaturen, Enthalpien, pH-Werte, Salinitäten etc. für jeden der Schritte zu berechnen und anzugeben, wo scale-up-Probleme und Gefährdungspotentiale abzusehen seien. Im Folgenden ein kurzer Auszug aus dem Ergebnis. Es handelt sich um einen kleinen Ausschnitt aus der umfangreichen Vorschrift [ 1 ] zur Versuchsdurchführung im 100 lt-Reaktor, mit besonderem Hinweis auf noch zu erfassenden Daten, und Hinweisen zur apparativen Ausstattung der Anlage.

Umsetzung von 2,6-Pyridin-dicarbonsäure mit Thionylchlorid und Methanol zum Dimethylester - Reaktionsschema

Die obenstehende Reaktionsgleichung ist eine einzelne Stufe aus einer vielstufigen, in einer multi-purpose-Anlage durchzuführenden Synthese. Sie stellt die Umsetzung von Pyridin-2,6-dicarbonsäure in zwei Stufen, jedoch ohne dazwischenliegende Isolierung, zunächst zum entsprechenden Säurechlorid, danach zum Dimethylester dar. Die Arbeit mit Säurechloriden ist wegen deren hoher Wasserempfindlichkeit und der relativ hohen Exothermien nicht ganz einfach.

Physikalische Eigenschaften der Reaktanden, Zwischenstufen und Endprodukte [ 2 ]

extrapolierte Werte sind kursiv dargestellt

Stoff Pyridin-2,6- dicarbonsäure Thionylchlorid Pyridin-2,6- dicarbonyl- chlorid Methanol Pyridin-2,6- dicarbonsäure- dimethylester
Summenformel C7H5NO4 SOCl2 C7H3Cl2NO2 CH4O C9H9NO4
Dichte 700 g/dm³ (Schüttgewicht) 1,64 g/cm³ [20 °C]   0,79 g/cm³ [20 °C] ~ 650 g/dm³ (Schüttgewicht)
Aussehen Feinkristallines, weißes, fast geruchloses Pulver gelbliche Flüssigkeit, stechender Geruch beigefarbener Feststoff klare Flüssigkeit mit charakteristischem Geruch weißes Pulver oder Kristalle
Gefährlichkeits- merkmale reizend gesundheits- schädlich, ätzend ätzend, korrosiv, tränenreizend leichtentzündlich, giftig reizend
Schmelzpunkt 224 - 225 °C - 104 °C 56 - 58 °C - 98 °C 121 - 125 °C (rein)
Siedepunkt Zersetzung 76 °C [1013 mbar] 284 °C [1013 mbar] 64,5 °C [1013 mbar]  
Dampfdruck <0,01 mbar [20 °C] 417 hPa [50 °C] < 1 mbar an völlig trockener Luft, sonst Freisetzung von HCl 532 mbar [50 °C] < 1 mbar
Thermische Zersetzung > 230 °C > 140 °C > 140 °C   > 250 °C
Flammpunkt 188 °C     15,6 °C  
Zündtemp. 620 °C     455 °C  
Löslichkeit in Wasser 5 g/l [20 °C], ergibt eine Lösung von pH = 2,0 Zersetzung zu Salzsäure und Schwefliger Säure. 10 g/l Wasser ergeben eine Lösung von pH = 0,8 Zersetzung zu Pyridin-2,6- dicarbonsäure- Hydrochlorid und Salzsäure. vollständig wassermischbar < 1 g/l
WGK 1 1 1 1 1
Toxikologie LD50 oral, Ratte 10500 mg/kg LD50 oral, Ratte 324 mg/kg nicht untersucht LD50 oral, Ratte 5628 mg/kg nicht untersucht (könnte wegen des verminderten first-pass-Effektes von Estern deutlich toxischer sein als die freie Carbonsäure)
Explosions- grenzen       7,3 - 44 Vol%  

Laborvorschrift

167 g (1 mol) Pyridin-2,6-dicarbonsäure werden in 1075 ml Thionylchlorid gelöst und 10 h unter Rückfluss gehalten. Danach wird der Überschuss Thionylchlorid abdestilliert und der Rückstand unter Eiskühlung tropfenweise mit 250 ml Methanol hydrolysiert. Die Mischung wird für 30 min unter Rückfluss gehalten und danach 150 ml Methanol abdestilliert. Nach dem Eiskühlen kristallisiert Pyridin-2,6-dicarbonsäure-dimethylester aus. Umsatz: 95 % d. Th. Dieser wird mit eiskaltem Methanol nachgewaschen und aus ggf. aus Methanol umkristallisiert.

Material der Anlage

Für diese Umsetzung kam Stahl nicht in Frage. Einige Komponenten (z. B. Rührwellen) der weitestgehend in Glas ausgeführten Anlage mussten daher ausgetauscht werden. (...)

Emissionen, Abluft

Zu erwarten sind hier hauptsächlich Methanol, Thionylchlorid, SO2 und HCl. Alle diese Substanzen können in den vorhandenen wässrigen Abluftwäscher geleitet werden, der pH-Wert wird sich zu sauren Werten hin verschieben. Es ist jedoch zu beachten, dass Thionylchlorid, SO2 und HCl stark hygroskopisch sind, so dass sich bei Kontakt mit Wasser oder feuchter Luft sogar Unterdrücke bilden können. Ein Rückschlagen von Wasser, Aerosolen bzw. feuchter Luft aus dem Wäscher zurück in die Abluftleitung muss apparativ ausgeschlossen werden. Zu erwartende Mengen und pH-Werte: (...)

Umsetzung - Grundlagen für das Scale-Up


[ 1 ] Es handelt sich hier nicht um die Originalsynthese, der Reaktionstyp ist jedoch der gleiche.
[ 2 ] Literatur: I. Barin, “Thermochemical Data of Pure Substances”, Part I + II, VCH Weinheim, 1989; Sicherheitsdatenblätter der Hersteller zu den verwendeten Substanzen; G. H. Aylwart, T. J. V. Findlay “Datensammlung Chemie in SI-Einheiten”, 3. Aufl. VCH Weinheim 1999; u.v.a.


Diese Seite wurde zuletzt am 19.10.2009 geändert.
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