Recherchen im Internet sind mittlerweile allgemein üblich geworden.

Wie bei allen auf Wissen basierenden (Dienst-)Leistungen können sie professionell und nutzbringend durchgeführt werden, oder dilettantisch, mit wertlosem oder gar irreführendem Ergebnis. Dies gilt für selbst gemachte Recherchen ebenso wie für in Auftrag gegebene.

Auf diesen Seiten finden Sie allgemeine Informationen zu den Themen (nicht nur für Chemie):

1. Qualitätsmerkmale einer Information: Wie können gefundene Informationen beurteilt werden?
2. Qualitätsmerkmale einer Recherche: Nach welchen Kriterien können Recherchen als Ganzes beurteilt werden?
3. Was ist das sogenannte "tiefe Web"?
4. Tipps für eigene Recherchen
5. Wann lohnt sich die Zusammenarbeit mit einem Informationsdienstleister?
6. Recherchen vergeben: Vorschlag zu einer Art Ausschreibungsverfahren

Aus dem Blog

Qualitätsmerkmale einer Information: Wie können gefundene Informationen beurteilt werden? [ 1 ]

Im Jahre 1992 bestand das ganze Internet aus 50 Webseiten. Heute indiziert Google über 22 Milliarden Dateien, welche nur einen Bruchteil des vorhandenen Materiales ausmachen. Die Herkunft dieser Seiten ist höchst heterogen, weil kaum Kontrollmechanismen darüber existieren, was publiziert werden kann und was nicht.

Welche Möglichkeiten haben wir, aus dieser Unmenge an Fehlerhaftem, Subjektiven, Ungeprüften, Lügnerischen das wenige Nützliche herauszufiltern?

Um es gleich vorab zu sagen: Ein automatischer Filter, welcher die Seiten in "glaubwürdig" und "unglaubwürdig" unterteilt, existiert (noch) nicht. Wer wissen will, ob er sich auf seine gefundenen Informationen verlassen kann, muss sie selbst nach einer Reihe von Kriterien prüfen, wie das auch bei der Verwendung anderer Medien als dem Internet üblich ist.

Informationsverfälschung

"Nicht alles glauben, was in der Zeitung steht": Jedwede gefundene Information, nicht nur solche aus elektronischen Medien, muss überprüft werden. An sich richtige Informationen können auf vielfältige Weise irreführend sein, z. B. durch:

  1. Auswahl oder Weglassen bestimmter Teile der Information
  2. fehlende Angaben darauf, wie die Aussage zustande gekommen ist
  3. Herstellung falscher Assoziationen (besonders trickreich)
  4. Vermischung von Fakten und Meinung.
Treffen die Punkte 1, 2 oder Vergleichbares zu, dann ist die Information unvollständig; wir sagen, die Information sei nicht wissenschaftlich, weil sie die formalen Kriterien der Vollständigkeit nicht erfüllt und somit auch nicht interpretierbar oder vergleichbar ist.

Z. B. wird bei einer Maschine nicht gesagt, unter welchen Bedingungen sie ihre Leistung erreicht (Punkt 1), oder bei einem Heilmittel wird nicht deklariert, wie der Heilerfolg gemessen und beurteilt wurde (2).

Treffen die Punkte 3, 4 oder ähnliche zu, dann ist die Information nicht objektiv.

Ein oft anzutreffendes Beispiel für Punkt 3 ist die Ausnützung der Assoziation "natürlich = gut, gesund" und "synthetisch = gesundheitsschädlich, umweltschädlich". Beispiele für Punkt 4 sind noch schwieriger auszumachen: Sie verstecken sich oft in Satzeinschüben wie "... mit dieser grundsätzlich überlegenen Technik erreicht man ...".

Zusätzlich zu den klassischen wissenstheoretischen Problemen können Internet-typische Schwierigkeiten auftreten, wie verwaiste, aus dem Zusammenhang gerissene Informationen, die durch "broken links" entstanden sind (einer Veränderung der die Seite umgebenden Verweisstruktur).

Das Informationskontinuum

Wer Informationen bereitstellt,

  1. hat einen bestimmten Wissensstand - von Laie bis Profi
  2. verfolgt eine bestimmte Absicht - von Selbstdarstellung bis Verkauf.
Es ist ein Unterschied, ob ein Laie oder ein Fachmann über die Kristallstruktur von Kochsalz schreiben, und es ist ein Unterschied, ob der Autor ein kristallografisches Lehrbuch verfassen oder ein esoterisches Heilsalz verkaufen möchte.

InformationskontinuumDaraus ergibt sich das Modell eines Informationskontinuums (siehe Abbildung): Jede Information ist irgendwo zwischen den Extrempunkten "formal vollständig bzw. bruchstückhaft" und "objektiv bzw. subjektiv" einzuordnen. So ist etwa ein Kommentar ganz unten links im Kontinuum anzusetzen, da er keine Fakten und ihre Quellen auflistet und außerdem schon per definitionem subjektiv ist. [ 2 ]

Wissenschaftliche Journale bemühen sich durch ihre Vorgaben, Informationen aus der rechten oberen Ecke zu liefern: Die Information muss vollständig belegt sein (Informationstiefe), z. B. muss genau angegeben werden, mit welchem Messgerät eine Messung durchgeführt und wie das Messgerät gehandhabt wurde. Aussagen wie: "Das E-Modul des neuen Materials betrug ... " genügen nicht. Zweitens müssen Daten/Messwerte und Interpretation deutlich voneinander getrennt werden.

Die rechte untere Ecke des Informationskontinuums ist abgeschnitten, weil es sie nicht geben kann: Eine vollständig belegte, aber absolut subjektive Aussage.

In der Praxis trifft man oft die mittleren Bereiche des Kontinuums an, z. B.: Die Beschreibung von Produkteigenschaften in einer Verkaufssituation kann zwar für jede einzelne Eigenschaft korrekt, aber dennoch etwas subjektiv ausfallen. Die günstigen Informationen werden über Gebühr betont, die ungünstigen hingegen fallen unter den Tisch. Einige wenige, unvollständige Daten darüber, wie die Eigenschaften ermittelt wurden, werden geliefert (wie z. B. die Aussage "Dermatologisch getestet").

Beim Umgang mit klassischen Medien ordnen wir Informationen ein, ohne uns dessen recht bewusst zu werden. Sehen wir beispielsweise REM-Aufnahmen menschlicher Oberhaut, betrachten wir sie mit unterschiedlichen Augen, je nachdem ob sie in einer Anzeige für Hautcreme oder in einer Fachzeitschrift für Dermatologie erscheinen.

Dabei übersehen wir, dass wir eigentlich niemals die Information selbst beurteilen können, sondern immer nur die Quelle. Selbst wenn wir eine gefundene Information an anderer Stelle nochmals überprüfen, wählen wir lediglich die Quelle aus, die uns am vertrauenswürdigsten erscheint. Ob die Information an sich richtig oder falsch ist, können wir nicht wissen; auch bei vollständiger Erfüllung aller formalen Kriterien kann sie schlicht und einfach falsch sein. Wir können nur entscheiden, ob wir der Quelle vertrauen wollen.

Formale Kriterien

Nach der folgenden Checkliste kann jede gefundene Information geprüft werden.

  1. Herausgeber der Gesamtpublikation: Wer gibt die Zeitung, die Website etc. heraus, wie finanziert er sich, welchen Zwecken dient die Publikation, wie sieht es also mit der Objektivität aus?
  2. Verfasser der einzelnen Information: Wie hat er sich qualifiziert, über das Thema zu schreiben, und wie ist seine Qualifikation belegt?[ 3 ]
  3. Informationstiefe und Zielgruppe: Für wen ist die Publikation gedacht, welchen Wissensstand haben die Leser, wurde vielleicht vereinfacht? Ist zu erkennen, dass Fakten und Meinung getrennt sind, und ist die Herkunft der Fakten belegt?
  4. Fehlerfreiheit und Erscheinungsbild: Ist die Publikation wenigstens formal fehlerfrei? Dies ist erkennbar an der Rechtschreibung, vollständiger Beschriftung der Diagramme und Abbildungen, Vorhandensein von Quellennachweisen etc.
  5. Aktualität: Ist zu erkennen, wann die Publikation/die Website erstellt oder aktualisiert wurde?
Wenn die Information in allen Punkten positv beurteilt werden kann, ist sie als vertrauenswürdig einzustufen [ 4 ]. Ob sie tatsächlich richtig ist, kann aber nicht überprüft werden.

Qualitätsmerkmale einer Recherche: Nach welchen Kriterien können Recherchen als Ganzes beurteilt werden?

Um eine Recherche (oder ein Rechercheangebot) zu beurteilen, muss der Zweck der Recherche vorher definiert werden. "Einfach mal schauen, ob es etwas gibt" ist nichts als Zeit- und Geldverschwendung. Je nach Aufgabenstellung kann eine Recherche ganz unterschiedliche Zielsetzungen haben. Sie soll:

  1. einfach eine gewisse Zahl von Resultaten liefern, z. B. 5.000 neue Adressen von Handwerksbetrieben mit mehr als drei Angestellten, oder die detaillierte Beschreibung eines technischen Verfahrens, etwa für einen Schriftsteller.
  2. die vollständige Auflistung von Daten aus einem bestimmten Gebiet liefern. Ein Beispiel - außer der Patentrecherche - wäre eine komplette Auflistung lieferbarer Bücher zu einem bestimmten Fachgebiet, z. B. für die Erstellung eines Exposées.
  3. einen vollständigen Datensatz liefern, z. B. die Wechselwirkungen einer Liste von Pharma-Wirkstoffen untereinander, jeder mit jedem.

Rechercheziel erreicht?

Ob das Rechercheziel als solches erreicht wurde, ist im ersten und dritten Fall leicht zu überprüfen: Nachzählen genügt. Was aber, wenn nicht die erforderliche Anzahl an Resultaten herausgekommen ist? Und was ist im Fall 2? Woher wissen wir, ob wir alles gefunden haben, was es zu finden gibt?

Wir können es natürlich nicht wissen. Selbst die sorgfältigste Pharmakovigilanzstudie wird vielleicht nicht einen gewissen Bericht in irgend einem nicht bibliografisch erfassten medizinischen Journal am anderen Ende der Welt finden. "Alles" zu finden, kann auch gar nicht das Ziel sein. Wir benötigen einen gemeinsamen Nenner, eine Vereinbarung darüber, welche Quellen für unsere Fragestellung als relevant anzusehen sind, wo wir suchen werden.

Recherchestrategie

Das Vorhandensein einer solchen - für jede Recherche eigens erstellten - "Recherchestrategie" ermöglicht es uns, die zu erwartende Brauchbarkeit der Ergebnisse abzuschätzen.

Es müssen zur Beurteilung der Recherche bzw. des Angebotes folgende Punkte zufriedenstellend geklärt sein:

  1. Welche Frage will ich beantworten?
  2. Welche Art von Informationen brauche ich dazu
  3. Wie vollständig müssen diese Informationen sein?
  4. Welche Quellen werde ich benutzen, und warum genau diese?
  5. Wie werde ich den Endpunkt der Recherche erkennen können?
  6. Wie viel Geld wird die Beschaffung dieser Information schätzungsweise kosten?
Ein Informationsprofi wird diese Fragen beantworten können, was erst möglich ist, wenn er oder sie einen gewissen Überblick über die Datenbankenlandschaft gewonnen hat. Einige Fragen, die Sie dem Dienstleister zur Überprüfung stellen können, lauten: Und werfen Sie unbedingt einen Blick auf die genannten Datenbanken: Wurden nur kostenlose Datenquellen verwendet, so muss es dafür zumindest einen besonderen Grund geben.

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Weiter zu Teil 3: Zusammenarbeit mit Infobrokern; eine Recherche ausschreiben


[ 1 ] Eine ausführlichere Darstellung sowie Literatur und Quellenangaben zu diesem Thema finden Sie in dem Download "Informationen evaluieren" (PDF, 1,6 MB, Folien und Notizen zu einem Vortrag auf der Tagung der FFCh im Oktober 2004)
[ 2 ] Das bedeutet nicht automatisch, dass ein Kommentar falsche Informationen verbreitet, sondern dass das Format "Kommentar" nicht dazu geeignet ist, evaluierbare Informationen zu liefern!
[ 3 ] Ein negatives Beispiel ist der Schauspieler im weißen Kittel, der etwas über Zahnpflege erzählt und in der Werbung als "Dr. Best" bezeichnet wird. Was qualifiziert ihn, medizinischen Rat zu erteilen?
[ 4 ] Natürlich ist es absolut möglich, eine Website oder einen Artikel zu schreiben, der scheinbar alle formalen Kriterien erfüllt, aber dennoch absichtlich falsch ist.
[ 5 ] wie z. B. in dem hervorragenden Buch von D. Weeks und J. James, "Exzentriker", ISBN 3 498 07333 8


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