Informationen für Planer und Anlagenbetreiber
Erscheint monatlich
ISSN 1613-2513
43. Ausgabe Weihnachten 2007
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Exzentrische Wissenschaft - von "nur ein bisschen absonderlich" bis
"betrügerisch"
Sehr geehrte(r) Leser(in),
wer - wie die meisten Leser dieses Newsletters - eine naturwissen-
schaftliche oder technische Ausbildung hinter sich gebracht hat,
musste lernen, sich an formale Regeln zu halten. Von der Beschaffung
von Informationen bis zur Interpretation der Messergebnisse springt
der Forscher oder Entwickler - metaphorisch gesprochen - von einem
tragfähigen Grasbüschel zum nächsten durch den Morast.
Auf der einen Seite stehen diejenigen, die sich wie auf Schienen
bewegen und sich und anderen nicht die kleinste Abweichung im Denken
gestatten. (Es kann viel Brauchbares dabei herauskommen.)
Auf der anderen Seite gibt es Kollegen, die mit besonderer Vorliebe
Paradigmen brechen und Fakten in neue Zusammenhänge stellen. (Es kann
ebenfalls viel Brauchbares dabei herauskommen.)
Das einzige, was man als Wissenschaftler, Ingenieur oder Techniker
wirklich haben muss, ist das Unterscheidungsvermögen, ob nun etwas
Brauchbares herausgekommen ist oder nicht. Manche haben es nicht und
können somit wenigstens zur Unterhaltung dienen. Um einige davon geht
es in diesem Newsletter.
Andere haben dieses Unterscheidungsvermögen hauptsächlich in
finanzieller Hinsicht - gemeint sind die Nepper, die mit
Pseudowissenschaft Geld machen, ob nun mit "levitiertem Wasser",
Himalayasalz oder anderem. Auch die sollen in diesem Newsletter kurz
erwähnt werden.
Bohr und Rutherford hatten keine Ahnung vom Aufbau der Materie, soviel
steht für Mark Porringa fest. Die ließen sich ja auch von der
"engstirnigen Denkweise experimenteller Wissenschaft" behindern. Der
Kanadier hingegen hat Verstand und Intuition, und auf dieser Basis
(und, wie ich vermute, ohne viel Einsatz von Experimenten) hat er ein
völlig neues Modell für den Atomkern auf die Beine gestellt. Sie
können die Lizenz für das revolutionäre "LATTICE NESTED HYDRENO ATOMIC
MODEL" für schlappe 1 Million $ kaufen (Verhandlungsbasis), oder auch
nur das Buch für 29 $, falls Sie die Million gerade nicht in der
Tasche haben.
Aber schauen Sie sich die Modelle für die Atomkerne "Argon" und
"Diamant" ruhig selbst an. Eine, wie ich finde, verblüffende Mischung
von dichtester Kugelpackung und Atomorbitalen:
http://www.lnhatom.com/index.html
Peter Freundlich scheint es glücklicherweise nicht ernst zu meinen -
oder doch? Immerhin hat er mit Fleiß quantifiziert. "Härte des
Hinterns"* ist allerdings im übertragenen Sinne gemeint: Je härter der
Hintern, desto schlimmer der Wachmann. Je mehr Gegenstände er am
Gürtel trägt, desto härter sein Hintern. Je weniger Haare er sich auf
dem Kopf gelassen hat, desto härter ist ebenfalls sein Gluteus.
Kahlgeschorene Wachleute sind die allerschlimmsten - und
kahlgeschorene weibliche Wachleute sind noch 2,3 Mal schlimmer als
ihre männlichen Gegenstücke.
http://improbable.com/airchives/paperair/volume11/v11i3/gluteal-hardness11-3.pdf
*Nicht einmal der Princeton Thesaurus (zugänglich über
http://www.dict.cc) erwähnt diese spezielle Zusammenfassung von "hard"
und "ass". Gemeint ist wohl "knallhart und strohdumm" - aber da die
Übersetzung nicht verifiziert werden kann, bleibe ich bei der
unbeholfenen wörtlichen Variante.
Der Anti-Wissenschaftspreis wird für Forschungsarbeiten verliehen, die
besser nicht hätten unternommen werden sollen. Voraussetzung für eine
Nominierung ist, dass die Arbeit die Leute erst zum Lachen, dann aber
doch ein wenig zum Nachdenken bringt. Es ist alles dabei, vom Banalen
bis zum Unbeweisbaren. Die Liste der Preisträger, ein Archiv ihrer
Arbeiten und das Video der letzten Preisverleihung sind online:
http://improbable.com/ig/
Besonders lächerlich: Ist Fernsehen ein Verhütungsmittel? Alle Leser-
innen mögen selbst entscheiden, ob sie lieber die Herren auf Abb.
2, rechte Spalte, im Fernsehen anschauen möchten, oder lieber doch mit
den Herren auf Abb. 2, linke Spalte - nun ja! Für alle, die auch nur im
Geringsten zweifeln, ob an der Theorie nicht doch was dran sein
könnte, sei daran erinnert, dass das gleichzeitige Auftreten von A und
B nicht bedeutet, dass A die Ursache von B ist oder umgekehrt, sondern
dass ebenso eine oder mehrer Tatsachen C bis Z die Ursache sein
können.
http://improbable.com/airchives/paperair/volume8/v8i2/tv-sex.html
Ist es nötig, gegen Pseudowissenschaft zu kämpfen? Der
Wissenschaftstheoretiker Karl Popper zählte unter die
Pseudowissenschaften z. B. den Marxismus, die Psychoanalyse und die
Astrologie (Quelle: Wikipedia). Heute könnte man u. a. noch einige aus
dem asiatischen Raum übernommene Lehren hinzuzählen, die erst durch
das wissenschaftliche Mäntelchen, das man ihnen im Westen überzuhängen
versucht hat, zur Pseudowissenschaft wurden, etwa Feng-Shui und
Chinesische Medizin.
Das "Committee for Skeptical Inquiry" hat es sich zur Aufgabe gemacht,
solche Lehren unvoreingenommen zu prüfen und darüber zu berichten. Und
wenn Ihnen das nächste Mal ein spiritistisches Medium auf die Nerven
geht, oder Berichte über Yetis, Auren oder Natasha Demkina, das
Mädchen mit den diagnostischen Röntgenaugen - hier finden Sie geprüfte
Tatsachen:
http://www.csicop.org/
Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Maschine, die mechanische
Arbeit ohne Zufuhr von Energie leistet, hat seit Jahrtausenden die
Menschen beschäftigt. Sehen Sie auf diesen Seiten eine Geschichte des
Perpetuum Mobiles, und lesen Sie über Maschinen, die aussehen wie
eines, aber keines sind:
"Maschinenträume" - http://www.geo.de/GEO/technik/472.html und
"Von nix kummt nix" - Energie-Erhaltungssatz in der bayrischen Fassung:
http://www.hp-gramatke.de/perpetuum/index.htm
Wenn ich einen Preis der Peinlichkeit stiften sollte, wer würde ihn
bekommen? Wahrscheinlich jemand aus dem Bereich Heilkunde/Wellness,
zum Beispiel der selbsternannte Biophysiker Peter Ferreira.
(Übrigens ist "Biophysiker Peter Ferreira" ein Pseudonym des Autors
und Geschäftsmannes Peter Druf, sein "Forschungsinstitut" in Los
Angeles nicht auffindbar.)
Meine Lieblingsstelle:"Als 'Natürliches Kristallsalz' sollten nur
solche natürlichen Salze bezeichnet werden, welche einerseits die
nachweisbare natürliche Ganzheitlichkeit der chemischen wie auch
physikalischen Analytik erfüllen und andererseits einen hochgradig
individuellen Ordnungszustand aufweisen. Diese kristalline Struktur
sollte wiederum einerseits seiner Geometrie entsprechend ein
Frequenzspektrum aufweisen, welches in individuell resonanter Wirkung
den menschlichen Organismus positiv beinflusst und andererseits durch
seine Komprimierung die Verfügbarkeit der ional gebundenen Elemente
gewährleistet. Zudem sollte 'Natürliches Kristallsalz' als
Lebensmittel ein nachweisbarer LEBENSVERMITTLER sein, der dem
Organismus messbar Energie in Form von Informationen zuführt, welche
die Homöostase (natürliche Regulationsfähigkeit) anregen."
Uff! Das könnte glatt aus einer der JavaScript-basierten
Phrasendreschmaschinen stammen, die es im Internet so zahlreich gibt.
Sonderpunkte in der B-Note gibt es für das tolle Wort "ional".
http://www.lebensweg-centrum.de/offenebriefe/Offener_Brief_Ferreira_31.12.01.pdf
Warum wird etwas, das eindeutig rosabraun ist (durch
Eisenverunreinigungen), als "weißes Gold" bezeichnet?
Der Text lohnt wirklich das Lesen, hier ein Auszug:"Im Kristallsalz
hat sich die Energie im Laufe der Zeit in einer ganz bestimmten
kristallinen Struktur aufgebaut und [das Kristallsalz] verhält sich zu
Steinsalz sowie ein Kristall zu einem Stein. Alle 84 Elemente sind im
Kristallsalz kolloidal, d.h. in organischer Form (so klein, daß sie
von der Zellmembran noch aufgenommen werden kann!). Es geht nicht um
die Menge, sondern um die quantitative Verfügbarkeit. Alles muß
kleiner sein als 10/1000g, damit es von der Zellmembran aufgenommen
werden kann! Diese Zellmembran kann man sich vorstellen wie ein
Schlüsselloch, wo ein größerer Stein dann einfach nicht mehr
durchpaßt."
Der folgende Satz grenzt an Körperverletzung: "Von einem
Natursalz kann man auch nie zuviel haben, weil sich jeder natürliche
Prozess von selbst reguliert. Salz hat immer eine ausgleichende,
regulierende Wirkung. Auch kann man von zu viel Kristallsalz keinen
Bluthochdruck bekommen, im Gegenteil, durch die ausgleichende Wirkung
wird bei zu hohem Blutdruck, dieser sogar sinken."
Himalayasalz ist, wie jedes Salz, tatsächlich gesundheitsfördernd,
indem man es nämlich weglässt. Lassen Sie sich nicht die Suppe
versalzen - schon gar nicht zu Weihnachten!
Allen Lesern des Newsletters wünsche ich ein frohes Weihnachstsfest
und viel Spaß beim Sylvesterfeiern. Im nächsten Jahr geht es weiter
mit einer Ausgabe über wissenschaftliche Podcasts und (wahrscheinlich)
einer Umstellung des Newsletters auf Blog/RSS-Feed.
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© Dr. Claudia Arnold 2007